Ein Viertel unserer Jugendlichen ist ausländerfeindlich? Es stellen sich ein paar Fragen

Ein Viertel unserer Jugendlichen ist ausländerfeindlich, jeder zweite Jugendliche ist kapitalismusfeindlich. Linksextremismus ist unter Jugendlichen verbreiteter als Rechtsextremismus. In der Schweiz gelten 6 Prozent der Jugendlichen als rechtsextrem und 7 Prozent als linksextrem.

Mit diesen Beschreibungen berichteten gestern die Medien über die Veröffentlichung einer Studie der ZHAW zum Thema «Verbreitung extremistischer Einstellungen und Verhaltensweisen unter Jugendlichen in der Schweiz».

Die Studie wurde vom Institut für Delinquenz und Kriminalprävention, welches dem Departement der Sozialen Arbeit zugeordnet ist, durchgeführt.

Nach dem Lesen des 60-seitigen Berichts eröffnen sich mir, als einer der selber Soziale Arbeit studiert hat, einige Kritikpunkte. Dabei geht es mir nicht um die Datenerhebung oder Auswertung, denn hierzu reichen mir die öffentlichen Unterlagen für eine Qualifizierung nicht aus. Kritik und Erstaunen ergeben sich mir vielmehr aus folgenden Gründen:

  1. Entwicklungsmerkmale der Jugend während der Adoleszenz werden nicht berücksichtigt. Allgemein ist bekannt, Jugendliche sind – insbesondere im erforschten Altersbereich – auf der Suche und am Auspropieren. Im wissenschaftlichen Kontext Umbruchs- und Orientierungsphase genannt. Persönlichkeiten sind noch nicht gefestigt. Protest und Distanz zur Erwachsenenkultur sind omnipräsent. In der Studie findet dies keine Berücksichtigung.
  2. Im Gegenteil; die Zahlen werden auf der Homepage der ZHAW in der Headline noch für sich allein stehend gefestigt: «Linksextremismus ist mit 7 Prozent etwas verbreiteter als Rechtsextremismus.» Damit muss sich die Forschergruppe der Kritik aussetzen, mit dieser nicht-eingeordneten Zahlenpräsentation, vielmehr einer Stigmatisierung statt einem sachlichen Diskurs zuzudienen.
  3. In der Studie wird kaum zwischen «Gewalt selber ausüben» und «Gewaltbefürwortung» differenziert. Ohne die Begrifflichkeiten werten zu wollen, dies ist ein grober Fehler. Gerade im Präventionskontext stellen sich hier unterschiedliche Herausforderungen – nicht nur im Handeln auch in der Forschung.
  4. Einzelne Fragestellungen lassen Zweifel an der plausiblen Zuordnung zu den erforschten Begrifflichkeiten – gerade in einem jugendlichen Verständnis – aufkommen. So musste die Forschergruppe von sich aus eingestehen, dass eine Frage wie «Die Schweiz sollte noch viel mehr Flüchtlingen Zuflucht gewähren» nicht einem linksextremen Gedankengut zugeordnet werden kann. Auch eine Frage wie «Wir müssen Schweizer Interessen gegenüber dem Ausland hart und energisch durchsetzen» lassen bei einer Zuordnung zur Begrifflichkeit «Nationalismus» zumindest Zweifel zurück. Die Frage stellt sich, ob Inhalt und Anzahl der Fragestellung eine korrekte wissenschaftliche Aussage zulassen? 
  5. Die Bedeutung der sozialen Medien und Internetpropaganda wird kaum berücksichtigt. Konkret: die Studie stellt keine Ursachenforschung an.  Sie stellt abschliessend Zahlen in den Fokus und vereinfacht, was gerade aus der Perspektive der Sozialen Arbeit kritisiert werden muss. Die quantitative Befragung stösst lesbar an ihre Grenzen. Aus Sicht der Prävention lässt die Studie offen, wo anzusetzen ist. Warum?

Um Radikalisierungsprozesse bei Jugendlichen zu verhindern müssen Jugendliche stark gemacht werden. Wir müssen sie für unsere offene Gesellschaft begeistern. Vertrauen gilt es gegenüber den selbstregulierenden Kräften der Jugendlichen auszusprechen, da auch sie unter sich radikalen Tendenzen kritisch begegnen und ihre Zukunft positiv gestalten möchten. Eine Studie, die kein Wort über die restlichen Prozente – der gemäss ihren Ergebnissen «nicht-extremen Jugendlichen» – verliert, macht sich der Effekthascherei verdächtig und wird den Anforderungen an einen wissenschaftlichen Diskus im Fachbereich der Prävention nicht gerecht.

07. November 2018 von thomas
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